Die Folgen von »Tschernobyl« im Schwalm-Eder-Kreis Drucken E-Mail
Dienstag, den 13. Februar 2018 um 15:49 Uhr

Handgemalter Anti-AKW-Button ©Archiv Wolfgang Luncke, Nürtingen | nhNeues Buch von Thomas Schattner über die atomare Katastrophe
WABERN. Der Waberner Gymnasiallehrer und Lokalhistoriker Thomas Schattner hat eine neue Publikation veröffentlicht, eine Dokumentation zum Gau in der ehemaligen Sowjetunion und dessen Auswirkungen in Nordhessen.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 liegt nun mehr als 30 Jahre zurück. Auf der einen Seite könnte man meinen, sie sei nur eine von vielen. Hier sei nur an den Gau am 28. März 1979 des Reaktors „Three Miles Island“ in Harrisburg/Pennsylvania in den USA oder an die atomare Katastrophe vom 11. März 2011 im japanischen Fukushima erinnert, wo es in drei Reaktorblöcken zur Kernschmelze kam. Auf der anderen Seite gibt es einen gravierenden Unterschied. Der Gau, der in Block vier des Großkraftwerks über 1.700 Kilometer Luftlinie entfernt in der Ukraine an der Grenze zu Weißrussland stattfand, hinterließ durch die nach Westen getriebenen, radioaktiv verseuchten, Wolken zahlreiche Spuren in der Bundesrepublik und so auch in  Nordhessen. Radioaktiver Staub breitete sich so auch über den Schwalm-Eder-Kreis aus. 

Das BuchPolitisch und gesellschaftlich war man darauf überhaupt nicht vorbereitet, stattdessen breitete sich damals eine ungeheure Unsicherheit in der Bevölkerung aus, wie mit der atomaren Katastrophe und ihren Folgen  umzugehen sei. Auf diesem Weg hielten neue Begriffe den Einzug in den Alltag der Menschen. Becquerel, Rem (roentgen equivalent in man), Halbwertszeit, Jod und Cäsium gehörten nun zur tagtäglichen Kommunikation. Dazu gab es einschneidende Maßnahmen im Alltag. Kurzum, dass Leben hatte sich in nur wenigen Tagen Anfang Mai 1986 in der Republik verändert.

Von dieser Veränderung will diese Dokumentation berichten. Sie beginnt mit einem Zeitungsartikel vom 3. Mai 1986 und endet mit einem eben solchen vom 20. Dezember 1986. Dazwischen zeigen rund 120 Dokumente, wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl das alltägliche Leben im nördlichen Hessen Stück für Stück eroberte und auch veränderte.

Frauen nach Tschernobyl: Ausschnitt eines Borkener Flugblatts vom Oktober 1986 ©Archiv Iris Bock-Lahmann, Staufenberg | nh„Die vorliegende Dokumentation verdeutlicht, wie auf lokaler Ebene am Beispiel des Schwalm-Eder-Kreises in Hessen über den Hergang, die Ursachen und die Folgen der nuklearen Katastrophe berichtet wurde. Sie zeichnet den wachsenden Widerstand in der Bevölkerung gegen die Kernkraft nach und offenbart, wie  unvorbereitet die Bundes-, Landes- und Fachbehörden der Katastrophe begegneten“, so Ingo Sielaff vom Borkener Bergbaumuseum in seinem Vorwort zum Buch. Weiter schreibt er: „Beim Lesen der Presseberichte ahnt man, auf welch mühsame Art die Journalisten die Fakten zusammentragen mussten und auf wie wenige verlässliche Quellen sie sich stützen konnten. Die Nachrichtensperre in der Sowjetunion erschwerte die Recherche. Viele Bürger, enttäuscht auch von der bundesdeutschen Informationspolitik, ergriffen die Eigeninitiative und eigneten sich selbst Wissen zum Thema Kernkraft an“.  

»Anti-AKW-Graphik« 1983/84 ©Entwurf Klaus Hottmann, Schlierbach | nhDie Dokumentation wirft nach Ingo Sielaff zwei Fragen auf: „Wie sinnvoll und zielorientiert waren die damaligen Maßnahmen im Schwalm-Eder-Kreis und in der Bundesrepublik Deutschland gegen die großflächigen Folgen der Reaktorkatastrophe? Und: Sind wir heutzutage im atomaren Katastrophenfall besser gerüstet?“

Wenn auch damals keine gravierenden kurz- und mittelfristigen Veränderungen in der Energiepolitik der Bundesregierung unter SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt zu verzeichnen waren, so kam in Nordhessen aber immerhin als eine Folge der nuklearen Katstrophe von Tschernobyl im Herbst 1986 das endgültige Aus durch die Hessische Landesregierung für das Projekt eines Atomkraftwerks in Borken, welches die PreußenElektra (PREAG) in Hannover von 1972/1974 an betrieb.

Zum Projekt des Atomkraftwerks Borken wird Thomas Schattner zusammen mit Rainer Scherb und Ingo Sielaff im Frühjahr eine dreibändige Dokumentation von rund 800 Seiten herausbringen.

Das Tschernobyl-Buch kann weltweit über Amazon zum Preis von 11,24 Euro unter der ISBN-Nummer 978-1985086272 käuflich erworben werden. (pm)

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Kommentare   

 
-31 # MeisterSchwalmEder 2018-02-13 18:53
Woher nimmt ein Lehrer eines gymnasiums der ja vol ausgelastet sein dürfte nur all die Zeit für Recherche und seine Bücher her ?

Wie verunsichert man war damals zeigen 2 Episoden: Da fährt ein Familienvater mit seiner Familie wochenlang nach Frankreich in Sicherheit Weil da keine Radioaktivät war. Ursache: Die Franzosen haben dazu nichts gemeldet. Wie fast der ganze Ostblock auch.

Ein anderer fährt in den Urlaub und lässt sein Erdreich abtragen. Als der Bauunternehmenr das Erdreich abtransportiere n will schwemmt ein starker Regen alles wieder auf die Fläche. Er ließ es liegen. Der Mann kam zurück und war glücklich auf seiner nun radioaktiverer es Fläche.

Milch sollte man nicht den Kindern zum trinken geben. Dabei war die Belastung so gering, dass ein Baby jeden Tag monatelang 10 Liter a Tag trinken musste um nur ein wenig an Radioaktivität zu sich zu nehmen.

So einfach wie es häufig dargestellt wird ist die Sachenicht. Sie ist so komplex, dass selbst absolute Experten keine endgültigen Antworten geben können .
Nur eines ist sicher: Gefährlich ist der Umgang mit dem Atom.
Ud vies wird verborgen gehalten:
Die versenkten Atomreaktoren der U-Boot Flotte der ehemaligen UDSSR; das Schweigen rund um Three Mile Island; Fukushimas Gefahren;.
Usw.
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+27 # Eowyn 2018-02-14 07:12
Zu ihrer ersten Frage: Auch ein Gymnasiallehrer hat Freizeit, die er eben auf diese Weise nutzt. Man nennt das Hobby und das darf man auch einem Lehrer zugestehen....
Wie immer bleibt es dem Leser ihrer völlig verwirrten Kommentare verborgen, was sie eigentlich sagen wollen :D
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-13 # Zella 2018-02-14 18:17
Gymnasiallehrer haben sogar richtig viel Freizeit bei 25 Wochenstunden Unterricht und drei Monaten Ferien im Jahr. Obwohl Lehrer nur Teilzeit arbeiten werden sie Vollzeit bezahlt. Bei so viel Freizeit braucht der Mensch ein Hobby. :-)
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+12 # Heinz B 2018-02-15 09:30
Schade das sie bei (scheinbar) so wenig Kenntnis über den Lehrerberuf ihn so spöttisch Beurteilen.
Falls dies ein Trollversuch ihrerseits war ignorieren sie bitte mein Kommentar.

Beste Grüße
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+6 # Schwälmer 2018-02-15 10:58
Das haben Sie sicher beid er Berufswahl nicht bedacht. Lehrer ist heute ein anstrengender Beruf, nicht wegen der Schüler, eher wegen der Eltern.
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+3 # kimyhi 2018-02-15 12:16
Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Helikopter gab es früher nur in der Luft oder auf Flugplätzen .....
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+21 # Heinz B 2018-02-14 09:51
Der Skandal damals war u.a. das die russische Regierung das ganze vertuschen wollte und erst Tage nach dem Gau die Weltbevölkerung informierte und das auch nur wegen massiven Drucks.
Sanktionen gab es damals wie heute nicht, ist ja alles nicht so wild.
Wer weiß wie viel Menschen deswegen hier bei uns gestorben sind?
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+5 # Ambrosius Theis 2018-02-14 16:00
Wer weß, wieviele dmals, heute und in Zukunft darunter leiden? Wer weiß, wieviele ungeborene Kinder damals auf Druck der Regierung, der Atomindustrie und der Ärtze abgetrieben wurden, um die Genschäden nicht sichtbar´werden zu lassen? Gott bewahre uns vor einen neuen GAU!
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-2 # franz muenchinger 2018-02-19 18:39
der nächste gau wird mit 100%tiger sicherheit kommen.
frage ist halt nur wen es treffen wird.
denke mal der pannenreaktor in belgien könnte der nächste sein der uns um die ohren fliegt.
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